Sonntag, 6. Juli 2014

Ein Abschiedsbrief


Liebes Heilbronn,

es scheint langsam an der Zeit zu sein, dich vorerst verlassen zu müssen. Ich hatte nie gedacht, dass mir das so schwer fallen wird. Hätte mir vor drei Jahren jemand erzählt, dass ich zum Studieren zu dir ziehen würde, hätte ich entgegnet „im Leben nicht“. Hätte mir vor anderthalb Jahren jemand erzählt, dass ich sogar mal gerne hier sein würde, hätte ich ihm wohl nicht geglaubt.

Der Anfang mit dir war auch wirklich nicht der leichteste. Ich wollte nie hierher, und es war sicherlich keine Liebe auf den ersten Blick. Ich brauchte eine Weile, um mich an dich zu gewöhnen mit all deinen Eigenarten, allen voran der für mich zunächst fremd klingende schwäbische Dialekt.
Du bist keine Perle, keine wahre Schönheit. Man muss dich kennenlernen, um dich zu mögen, man muss suchen, um deine doch zahlreichen schönen Ecken zu finden.
Dabei machst du es einem tatsächlich nicht immer einfach. Viele unfreundliche, komische und verbitterte Menschen trifft man bei dir, Fahrradfreundlichkeit scheint im Schwäbischen ein Fremdwort zu sein, ja manchmal scheint gar Deutsch Fremdsprache zu sein. Teuer bist du und schwäbische Spezialitäten wie Maultaschen werden wohl nie mein Leibgericht. Bausünden gibt es an jeder Ecke, Stichwort Wollhaus, und nirgendwo sonst wird auf Partys so viel grausige Musik gespielt – und das sage ich als Dorfkind.

Mit der Zeit jedoch, ohne es selbst so recht zu merken, fühlte ich mich immer wohler bei dir. Ich lernte, dass „Weckle“  Brötchen bedeutet, dass „wo“ hier als Relativpronomen gilt, dass „Teppich“ nicht unbedingt das kratzige Ding auf dem Boden meint, und dass man „auf den Bus gehen“ nicht wörtlich nimmt. Ich genoss die Zeit, lernte die Gegend zu schätzen. Entdeckte mein Interesse für guten Wein. Traf die richtigen Menschen und hatte viele gute Tage.
Auch wenn es immer wieder diese Momente gab, in denen ich dich hasste. In denen ich genervt war von dir, von deinen Bewohnern, von deinen schlechten Partys. Momente, in denen ich es nicht erwarten konnte, zu gehen. Wenn zum Beispiel beim Public Viewing direkt nach Abpfiff Helene Fischer mit Atemlos gespielt wird – sorry, geht gar nicht (auch das mit dem Humba und den La-Ola-Wellen solltest du übrigens nochmal üben…).

Aber: Man verbindet einen Ort ja vielmehr mit den Menschen, die man dort traf. Und durch die hatte ich zwei wunderbare Jahre hier. Ich werde mich gerne an die Zeit hier erinnern, die langen Sommernächte im Park, die heißen Tage im Freibad, die Abende mit gutem Wein und noch besseren Freunden, gemeinsames Kochen, ja vielleicht sogar an die Nachmittage an der Hochschule.
Ich werde zurück denken an gute und an schlechte Tage, an Lachen und an Weinen, ans Glücklich sein und ans Frustriert sein, ans Feiern und ans Lernen.

Ich hasse Abschiede – auch wenn sie erstmal nur vorübergehend sind. Ja, ich freue mich auf alles Neue im kommenden Jahr, aber hey, ich werde dich vermissen. Und ich bin traurig zu gehen.

Heilbronn, ich hab dich lieb gewonnen.

Bis bald.




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