Montag, 10. November 2014

Eszter



Eszter ist ein hübsches Mädchen mit schulterlangen blonden Haaren und großen Augen. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester in Mátészalka. Mátészalka ist ein kleiner Ort im Nordosten von Ungarn, nur etwa 40km vom Dreiländereck mit Rumänien und der Ukraine entfernt. Die Menschen hier leben in sehr einfachen Verhältnissen, die Gegend wirkt trist und verlassen und hat dennoch wunderschöne Landschaft zu bieten. Als Eszter mir erzählt, dass sie erst 12 Jahre alt ist, bin ich überrascht – ich hätte sie durch ihr sicheres Auftreten auf den ersten Blick auf bestimmt 15-16 oder älter geschätzt. Ihre Mutter ist Englischlehrerin und Leiterin des Museums, welches wir besichtigen. Ob wir nicht ein wenig auf Deutsch mir ihrer Tochter sprechen könnten, hat sie uns gefragt. Denn Eszter lernt bereits seit 6 Jahren Deutsch in der Schule und spricht es unglaublich gut. Dank ihrer Mutter ist sie außerdem auch fließend in Englisch. In ihrer Freizeit versucht sie, sich selber Arabisch beizubringen, weil sie so fasziniert von der arabischen Kultur ist. „Aber es ist eine sehr schwere Sprache“, sagt sie. Französisch möchte sie auch gerne einmal lernen. Dieses 12-jährige Mädchen ist ein wahres Sprachtalent, und ein Mädchen voller Pläne und Träume. „Ich möchte einmal in Berlin studieren. Oder in London“, erzählt sie uns. Deshalb ist sie so zielstrebig, was das Erlernen von Deutsch und Englisch angeht.


Eszter und andere junge Menschen in Ostungarn stehen einer enormen Perspektivlosigkeit gegenüber. Würde Eszter in ihrem Heimatdorf bleiben, würde sie vielleicht einmal das kleine Museum ihrer Mutter übernehmen. Oder auch Lehrerin werden. Vielleicht würde sie auch jemanden kennenlernen, der sich der Landwirtschaft gewidmet hat, und mit ihm gemeinsam Getreide anbauen und Vieh züchten. Oder in einer privaten Pálinkadistillerie arbeiten. Andere Industrie gibt es kaum in diesem Teil des Landes.
Doch wenn ich mir Eszter so anschaue, sehe, wie ihre Träume ihre Augen zum Funkeln bringen, weiß ich: Für Mädchen wie sie, ist das Leben dort nicht genug. Sie möchte mehr sehen, mehr entdecken, mehr erleben. Und sitzt daher selbst am Wochenende vor den Büchern, um Deutsch oder eine andere Sprache zu pauken.

Eines Tages, da bin ich mir ganz sicher, wird Eszter ihre Tasche packen und Lebewohl sagen zu ihrer Heimat, welche sie in ihrem Herzen weiter bei sich tragen wird, und sie wird hinausziehen in die weite Welt. Nach Deutschland oder England, vielleicht nach Frankreich. Sie wird alle ihre Träume verwirklichen – denn sie baut sich selbst ihre Perspektive.



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