Mittwoch, 8. Juli 2015

Und plötzlich war er da, dieser Ernst



Hin und wieder wurde mir mal von ihm erzählt, diesem Ernst. Ernst des Lebens nennt er sich. Persönlich getroffen hatte ich ihn bisher immer nur flüchtig. Es war Anfang Februar diesen Jahres, als er dann plötzlich bei mir anklopfte. „Miri“, sagte er, „es wird Zeit, dass wir beide uns mal besser kennenlernen.“ Und seitdem ist es erstmal dahin mit meinem geliebten Studentenleben. Stattdessen befinde ich mich am Set von „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Aufstehen, Arbeiten, Feierabend, Schlafen, Aufstehen, Arbeiten, Feierabend… Fünf Tage Arbeiten, 2 Tage frei. 

Statt mittags äh morgens schnell in den Kapuzenpulli zu schlüpfen, die Haare zweckmäßig irgendwie zusammenzubinden, sich für die etwas ausgelatschten aber doch so bequemen Chucks zu entscheiden und auf Mascara mal zu verzichten, weil – ist ja nur für diese eine Vorlesung, ziehe ich blaue Jeans jetzt nur noch am Casual Friday an und Chucks oder Sneakers wurden dem Alltagsoutfit auch gestrichen. Mein Verbrauch an Abschminktüchern ist stark erhöht und ich ziehe tatsächlich in Erwägung, mir Concealer zuzulegen – Schlafmangel lässt sich wohl auf Dauer doch nicht mit Koffeinkonsum bekämpfen.

Aus „komm ich heute nicht komm ich morgen“ und spontan planbaren Tagesabläufen wurde ein geregelter, strukturierter Alltag. Um 7:40 Uhr (morgens!) klingelt der Wecker, damit ich pünktlich um 9:00 Uhr im Büro am Schreibtisch sitze, kurz die Mails checke und mir dann den ersten grünen Tee des Tages koche. Mittagspause ist dann um 12:30, es folgt ein weiterer Tee und um 17:30 heißt es: Feierabend. Dazwischen arbeite ich also. Ohne Smartphone in der Hand und Facebook ist auch nicht geöffnet. Ja, das scheint wirklich zu gehen!
Sich Dienstagmorgens zum ausgiebigen Frühstück zu verabreden ist erstmal nicht mehr, genauso wenig wie am Nachmittag spontan Kaffeetrinken zu gehen. Davon, dass auch feiern gehen unter der Woche jetzt flachfällt, weil ein Kater an einem achtstündigen Arbeitstag noch uncooler ist als in einer 90-minütigen Vorlesung, brauche ich gar nicht anfangen.

Die ersten zwei bis drei Wochen fragte ich mich somit jeden Abend, wo es hin ist, mein Leben. Vermisste die Uni und entschied ziemlich schnell, den Master definitiv noch zu machen. Ich verließ in der Dämmerung das Haus und kam im Dunkeln zurück. Zu platt um mehr zu tun als noch was zu essen und einen Film zu schauen, fiel ich spätestens um 22 Uhr todmüde ins Bett. Um dann morgens wieder vom Murmeltier geweckt zu werden… Plötzlich lebte ich wieder ab montags dem Wochenende entgegen, nachdem ich zwei Jahre lang regelmäßig vergessen hab, welcher Wochentag gerade war – ob Sonntag oder Mittwoch war erkannte ich nur daran, ob die Geschäfte geöffnet waren oder nicht. Plötzlich wartete ich vormittags auf die Mittagspause und fieberte nachmittags dem Feierabend entgegen. Plötzlich war alles ein bisschen mehr erwachsen, ein bisschen zu erwachsen?

Doch jetzt, nach 5 Monaten, wo das Ende meines Praktikums jeden Tag näher rückt, freue mich morgens über die Vögel die mich mit ihrem Gezwitscher wecken, gehe gerne ins Büro, verspüre ich morgens sowie nachmittags Spaß an der Arbeit, und bin um 17:28 Uhr ganz überrascht, dass schon wieder Feierabend ist. Mittlerweile mag ich meinen geregelten Alltag, ärgere mich nicht mehr darüber, dass erst Mittwoch ist, und genieße dennoch in vollen Zügen das Ausschlafen am Samstag. Mittlerweile klingt das „Guten Morgen!“ in der Früh genauso wenig gequält wie das „Bis morgen!“ am Abend. Dieser Ernst und ich, wir können vielleicht wirklich noch Freunde werden.


Aber bis dahin nenne ich mich ab September erstmal wieder Vollzeitstudent. 

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